IP/09/1841 Brüssel, den 30. November 2009 Simulationstechnologie könnte künftig zur Vermeidung von Finanzkrisen beitragen Welche wirtschaftspolitischen Anpassungen werden 2020 notwendig sein, wenn ein Viertel der EU-Bevölkerung über 65 Jahre alt ist? Können die Reaktion von Banken auf Kreditklemmen und deren Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft von den Wirtschaftswissenschaften besser vorausgesagt werden? Wie wird die Wirtschaft funktionieren, wenn die Deckung unseres Energiebedarfs infolge schwindender Naturressourcen immer schwieriger wird? Die Europäische Kommission hat heute ein bahnbrechendes Forschungsprojekt vorgestellt, das Wirtschaftswissenschaftler bei der Beantwortung solcher Fragen mit Hilfe von Wirtschaftssimulationssoftware unterstützen könnte. Diese Software, die im Rahmen eines von der EU geförderten und heute erfolgreich abgeschlossenen Forschungsprojekts mit einem Budget von 2,5 Mio. € entwickelt wurde, nutzt eine Simulationstechnologie, die auch bei der computergestützten Bildsynthese im Rahmen der Filmproduktion zum Einsatz kommt. Damit können Prognosen zur Interaktion von großen Populationen unterschiedlicher Wirtschaftsakteure wie Haushalte und Unternehmen, Banken und Kreditnehmer oder Angestellte und Arbeitslose gestellt werden, die wie reale Personen miteinander Handel treiben oder in Wettbewerb stehen. Durch individuelle, realistische Handlungsmuster, die jedem der simulierten Akteure zugeordnet werden, und Interaktionen, welche die Marktentwicklungen darstellen, können neue politische Maßnahmen zur Bewältigung künftiger gesellschaftlicher Herausforderungen anhand dieser großmaßstäblichen Simulationen besser getestet werden. „ Diese erstklassige europäische Forschungsleistung kann es uns erleichtern, den Übergang von der Wirtschaftskunde mit Papier und Bleistift zur Supercomputer-Ökonomie zu vollziehen “, kommentierte die für die Informationsgesellschaft und Medien zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding. „ Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts werden die konventionellen ökonomischen Statistiken und Annahmen zum Verhalten der Wirtschaftsakteure entscheidend ergänzen, weil damit besser geprüft werden kann, welche Folgen eine bestimmte Politik für die Menschen hat, und zwar bereits bei der Konzeption von Maßnahmen. Ich hoffe, dass die bei staatlichen Einrichtungen tätigen Forscher und die nationalen Forschungsinstitute rasch handeln werden, um den politischen Entscheidungsträgern dieses Instrument so schnell wie möglich verfügbar zu machen .“ Diese im Rahmen EU-gestützter Forschungsarbeiten entwickelte Simulationstechnologie analysiert mittels computergestützter Experimente gezielt die Beziehungen zwischen großen Populationen verschiedener Wirtschaftakteure über zahlreiche vernetzte Märkte hinweg. Es ist das erste Mal, dass diese Technologie unter Verwendung von Hochleistungsrechnern in einem so großen Maßstab eingesetzt wird. Sämtliche simulierten Haushalte (bzw. Unternehmen oder Banken) reagieren jeweils individuell auf verschiedene geldpolitische, fiskalische oder innovationsfördernde Maßnahmen und treffen unterschiedliche Entscheidungen beispielsweise in Bezug auf die Frage nach der Beibehaltung oder dem Wechsel des Arbeitsplatzes oder nach dem Anteil des Einkommens, der gespart, ausgegeben oder investiert wird. Das bedeutet, dass die Auswirkungen, die eine bestimmte Maßnahme auf einem bestimmten Markt zu einem bestimmten Zeitpunkt hat, nicht mehr isoliert von anderen Faktoren betrachtet werden. Die traditionelle Wirtschaftswissenschaft war nicht in der Lage, das Ausmaß der von der Kreditklemme ausgehenden Folgewirkungen auf die Weltwirtschaft korrekt zu prognostizieren. Die neue Software veranschaulicht die unterschiedlichen Reaktionen von Banken anhand eines breiten Spektrums von Faktoren wie dem notwendigen Umfang der Rücklagen im Vergleich zu den Investitionen, den Verbrauchs-/Investitions- und Spar-Mustern ihrer Kunden sowie psychologischen Faktoren wie Marktvertrauen. Sie kann politischen Entscheidungsträgern, die wissen möchten, wie steuer- und geldpolitische Reformen sich auf Banken und ihre Kunden auswirken, bessere Hinweise auf den Umfang der Folgen einer Finanzkrise auf die Realwirtschaft geben. Daneben kann das Programm das gleiche Szenario mit einer älteren Bevölkerung durchrechnen, um die Planung mit Blick auf die demografische Alterung Europas zu erleichtern, oder eine begrenzte Energieversorgung simulieren. Da die Software dafür konzipiert wurde, auf Hochleistungsrechnern zu laufen, um großmaßstäbliche Simulationen zu erlauben, aber gleichzeitig von jedem verbundenen Tischcomputer aus zugänglich ist, benötigen Wirtschaftswissenschaftler und Entscheidungsträger zu deren Nutzung keine Fachkenntnisse im Programmieren. Durch die Verknüpfung von Hunderttausenden simulierter Einzelaktionen und ‑reaktionen, die sich über die gesamte Wirtschaft verteilen, kann das Programm den politischen Entscheidungsträgern ein besseres und genaueres Bild der Auswirkungen vermitteln, die ihre Politik auf das Leben und die Arbeit der Menschen hat. Das mit Geldern aus dem Technologieforschungsbudget der Kommission geförderte Projekt, das sich über drei Jahre erstreckte, wurde von Wirtschaftswissenschaftlern und Datenverarbeitungsingenieuren aus acht Universitäten (in Italien, Frankreich, Deutschland, der Türkei und Großbritannien) durchgeführt, die von der EU zusammengebracht wurden. Hintergrund Das heute abgeschlossene Forschungsprojekt führte zur Erarbeitung der Softwareplattform EURACE für wirtschaftliche Simulation, die auf einer als FLAME (Flexible Large-scale Agent Modelling Environment) bezeichneten Simulationstechnologie beruht. Das Projekt wurde seit 2006 mit insgesamt 2,1 Mio. EUR aus dem Haushalt des Gesamtforschungsprogramms der Kommission ( Sechstes Rahmenprogramm 2001-2006) gefördert. Es war Bestandteil der Kommissionsinitiative zur Förderung der risikoreichen Forschung im Bereich der neuen und künftigen Informationstechnologien ( IP/09/608 ). Die Kommission hat die EU-Mitgliedstaaten vor kurzem zur Aufstockung der Investitionen in die risikoreiche Forschung aufgerufen, um auf diesem Gebiet mit den USA, China und Japan gleichzuziehen. Die Kommission wird dabei mit gutem Beispiel vorangehen und die für diesen Forschungsbereich verfügbaren Mittel von derzeit 100 Mio. EUR jährlich bis 2013 um 70 % steigern ( IP/09/397 ). Eine virtuelle Pressemappe mit weiteren Informationen zu diesem Projekt und zur EU-Unterstützung risikoreicher Technikforschung ist hier verfügbar: http://ec.europa.eu/information_society/newsroom/cf/itemdetail.cfm?item_id=2573 Annex Researchers participating in EURACE project Country Project coordinator Organisation Profession Contact details France Christophe Deissenberg Université de la Méditerranée Economist christophe.deissenberg@univmed.fr + 33 4 4293 5985 Germany Herbert Dawid University of Bielefeld Economist hdawid@wiwi.uni-bielefeld.de +49 521 106484 Italy Silvano Cincotti University of Genoa Economist silvano.cincotti@unige.it +39 010 353 2080 Italy Michele Marches Università degli Studi di Cagliari Computer Scientist michele@diee.unica.it +39 070 6755757 Italy Mauro Gallegati Università Politecnica delle Marche Economist mauro.gallegati@univpm.it +39 071 220 7088 Turkey Kaan Erkan TUBITAK National Research Institute of Electronics and Cryptology Computer Scientist kaan.erkan@uekae.tubitak.gov.tr +90 262 6481402 UK Mike Holcombe University of Sheffield Computer Scientist m.holcombe@dcs.shef.ac.uk +44 1142221802 UK Christopher Greenough Science and Technology Facilities Council Computer Scientist christopher.greenough@stfc.ac.uk +44 1235 445307